
Mein Engel Tobias.

Am 05.06.1983 starb mein kleiner Sohn Tobias. Er wurde nur 4 Jahre alt. Es war der 11.te Geburtstag seines Bruders Christian, der am 05.06.1972 geboren wurde. Wir alle liebten unseren kleinen Sonnenschein Tobias sehr. Er war ein sehr fröhliches und freundliches Kind, machte uns allen wirklich nur Freude. Für sein Alter war er sehr gescheit und wußte vieles, denn er fragte viel und wollte alles genau wissen. Besonders der Glaube an Maria und Jesus hatten es ihm angetan. Unsere Familie ist evangelisch, aber als junges Mädchen besuchte ich 3 Jahre lang die Internatsschule der Ursulanerinnen in Kaufbeuren. Somit mußte ich 3 Jahre die kath.Kirche besuchen und wurde in den Glauben dort eingeweiht. Besonders liebte ich Maria. Die Maiandachten in der Klosterkirche waren sehr, sehr beeindruckend für mich. Maria verehrte ich sehr und auch heute noch bedeutet sie mir viel. Diese Liebe zu Maria spürte und erlebte Tobias. Er besuchte gerne die katholische Kirche, die am Anfang unserer Straße stand. Wir wohnten an einem Berg und konnten auf die Kirche schauen. In dieser Kirche war eine Mutter Gottes Grotte. Eine wunderschöne Statue von Maria stand darin. Sie breitete ihre Arme aus, und jeder, der sie anschaute, fühlte sich beschützt. Vor Maria standen viele Kerzen und auch ich kaufte öfter dort eine Kerze und zündete sie für meine Oma an. Diese war eine wichtige Bezugsperson in meinem Leben und ich verlor sie 1977. Meine Trauer war groß, denn meine Oma bedeutete mir sehr viel. Mit Tobias sprach ich öfter, wenn wir Fotos anschauten, von ihr. Er nannte sie dann "Omama". Für diese Omama zündete er öfter eine Kerze in der Grotte an. Diese "Maria Gottes", wie er sie liebevoll nannte, war ein wichtiger Bestandteil in seinem jungen Leben. Maria mochte er -und er erzählte gerne von ihr und hörte auch gerne Geschichten aus der Bibel, von Jesus und von Gott und von den Engeln. Engel hatten es ihm auch angetan, denn es beschäftigte ihn oft, warum die Engel Flügel hätten und wir Menschen nicht. Oftmals war er am Grübeln und überlegen, was er machen könnte, damit auch er Flügel bekäme. Einige Tage vor seinem Tode sagte er: "Mama, du wirst sehen, bald habe ich auch Flügel und kann ganz schnell überall hinfliegen, wohin ich will !" Der Gedanke, Flügel zu haben, machte ihn glücklich. Er erzählte auch meiner Freundin davon. "Inge, bald habe ich Flügel und dann brauche ich nicht mehr zu dir laufen, sondern kann zu dir fliegen. Und zu meiner Mama in die Arbeit auch." All seine Illusionen und Träume, mit den Flügeln, sind sehr lebendig in mir geblieben. Nach all den Jahren sind die Erinnerungen daran noch in mir, und oftmals habe ich das Gefühl, als sei alles erst letzte Woche passiert !
Der 5.Juni 1983 war ein sonniger und warmer Sonntag. Der 11.te Geburtstag von Christian. Einen Tag vorher hatte mein Mann am rechten Fuß wegen eines Bänderrisses, einen Gips angelegt bekommen. Darauf hatten Christian und ich "unsere Unterschrift" gesetzt und Tobias hatte sich, (seinem Alter entsprechend ein Strichmännchen) gemalt. Ein sogenannter Kopffüßler. Ganz stolz hatte er danach zu meinem Mann gesagt: "Papa, jetzt kannst du mich immer auf deinem Gips anschauen und brauchst gar kein Foto mehr." An diesem Sonntagmorgen also, nach dem Frühstück, kam Tobias mit einem grünen Filzstift (grün war seine Lieblingsfarbe!) zu meinem Mann, bückte sich zu dem Gips runter und malte ein Kreuz in sein Strichmännchen, also in sich selber. Auf die verwunderte Frage meines Mannes:"Tobias, was soll das?" antwortete dieser mit großen Augen :"Aber Papa, da gehört doch ein Kreuz rein," drehte sich um, ging in sein Zimmer und spielte Lego. Wir schauten uns zwar verdutzt an, gingen dann aber darüber hinweg und vergaßen es ! Zumindest für die nächsten Stunden !!! Nachmittags um 17Uhr45 wurde das Leben von Tobias ausgelöscht. Von einem Autofahrer mit 1,8 Promille. Ein Betrunkener hatte ihn getötet. Wir alle standen total unter Schock. Ich kann auch das Weitere nicht beschreiben, aber nachts hörte ich auf einmal laute Geräusche aus der Küche. Als ich nachschaute, was das war, sah ich meinen Mann mit einem Hammer, er versuchte den Gips zu zertrümmern. Er wollte den Gips nicht an seinem Fuß haben, mit dem kleinen Strichmännchen und dem Kreuz darin. Er hatte die Worte noch im Ohr: "Aber Papa, da gehört doch ein Kreuz rein !" Mein Mann und ich weinten und redeten die ganze Nacht. Alles, was uns im Zusammenhang mit Tobias in den Sinn kam, alle seine Worte und Wünsche, erschienen uns mit einem Mal in einem ganz besonderen Licht. "Weißt du noch, er wollte doch unbedingt Flügel haben wie die Engel." Erst gegen Morgen schliefen wir erschöpft ein.
Ich hatte einen Traum, einen wunderschönen Traum:

Ich lag in einem total dunklen Raum, erwachte und hörte leise Musik. Ich stand auf, um nachzuschauen. Öffnete die Tür, die ich fand, und war geblendet von der Fülle hellen Lichts. In der Mitte dieses Lichtes saß meine Oma mit einem Engelchen auf ihrem Schoß. Tobias. Tobias mit Flügeln. Er lachte mich an und sagte mit leuchtenden Augen: "Mama, die Maria Gottes hat mir Flügel geschenkt. Jetzt kann ich immer dort sein, wo du bist. Jetzt kann ich fliegen, wie die Engel !"
(Klickt auf das Bild und ihr seid bei Rose.)
Ich wachte von diesem Traum auf, weinte bitterlich und fühlte mich doch von diesem Traum getröstet. Unendlich getröstet. Die nächsten Tage waren sehr, sehr schwer für uns alle. Überall fehlte uns Tobias. Sein Lachen, seine Fragen und seine Liebe. Keiner konnte begreifen, daß von einer Sekunde zur anderen, ein kleines Leben ausgelöscht wurde. Mein Traum, der Traum vom kleinen Engel Tobias, war mein einziger Trost. Auch heute noch - und es gibt wirklich schwere Tage, auch nach so langer Zeit - tröstet mich der Gedanke an meinen kleinen Schutzengel Tobias !!!

Dein Gesichtchen ist längst verblasst. Aber, deine Flügel berühren mein Herz, und meine Seele lebt auf !!!
Copyright by Marion Löffler



